
Zur Biologie der Anorexie: neue Forschungsbefunde aus Studien von DGESS Mitgliedern
In einer Studie von DGESS Mitgliedern zeigte sich bei Patientinnen mit Anorexie ein erhöhter Spiegel des Botenstoffs GDF-15. Frühere Studien deuten darauf hin, dass er Appetit verringern, Übelkeit verstärken und den Energieverbrauch steigern kann. Paradoxerweise steigt er gerade bei starkem Nahrungsmangel weiter an. Dadurch könnte die bestehende Energieknappheit zusätzlich verstärkt werden. Die Autor*innen der Studie schlagen daher vor, Medikamente zu prüfen, die GDF-15 gezielt hemmen, um eine Gewichtszunahme bei Anorexie zu unterstützen.
⇒ Ehrlich, S. [S.], Licht, L., Kolb, T., Hoffmann, C., Stender, E., Tam, F. I., . . . Perakakis, N. (2025). Impact of acute anorexia nervosa and of short-/long-term recovery after refeeding on the hormonal profiles of activin A, GDF-15 and follistatins. Molecular Psychiatry. Advance online publication. https://doi.org/10.1038/s41380-025-03245-0
In einer genetischen Studie mit > 1.300 Teilnehmenden zeigten sich Varianten in einem bestimmten Abschnitt des Gens CTBP2 (RIBEYE-Bereich) sowohl bei Anorexie als auch bei Adipositas. Die Autor*innen vermuten, dass RIBEYE eine wichtige Rolle in der Gewichtsregulation spielt, möglicherweise über zirkadiane Rhythmen oder die Wechselwirkung mit dem Sättigungshormon Leptin. Starkes Unter- und Übergewicht könnten also teilweise durch dasselbe biologische Regulationssystem beeinflusst werden.
⇒ Giuranna, J., Zheng, Y., Brandt, M., Jall, S., Mukherjee, A., Shankhwar, S., . . . Hinney, A. (2025). Genetic and functional analyses of CTBP2 in anorexia nervosa and body weight regulation. Molecular Psychiatry, 30(5), 1836–1846. https://doi.org/10.1038/s41380-024-02791-3
In einer fMRT-Studie wurde erstmals gezielt untersucht, wie sich Gewohnheiten bei Anorexie bilden. Jugendliche mit Anorexie zeigten in einem Lernparadigma keine stärkere Ausprägung von Verhaltensgewohnheiten als gesunde Teilnehmerinnen. Stattdessen lösten sie die Aufgaben genauer und aktivierten stärker frontoparietale Hirnregionen, die für Kontrolle und zielgerichtetes Handeln wichtig sind. Das, so die Studienautor*innen, deutet darauf hin, dass Verhaltensweisen wie Nahrungsrestriktion zu Beginn einer Anorexie eher durch übermäßige Kontrolle geprägt sind und sich möglicherweise erst im weiteren Verlauf zu Gewohnheiten entwickeln.
⇒ Hennig, J., Boehm, I., Zwosta, K., King, J. A., Geisler, D., Ruge, H., . . . Ehrlich, S. [S.] (2025). Avoidance habit learning in adolescents and young women with anorexia nervosa: an fMRI study. Journal of Child Psychology and Psychiatry and Allied Disciplines. Advance online publication. https://doi.org/10.1111/jcpp.70019
Auch in einer weiteren fMRT Studie zeigten sich Hinweise auf gesteigerte kognitive Kontrolle bei Anorexie. Junge Frauen mit Anorexie sollten sich hier zwischen leichteren und anstrengenderen Denkaufgaben entscheiden, für unterschiedlich hohe Belohnungen. Sie bewerteten Anstrengung dabei nicht anders als Gesunde, investierten aber mehr kognitive Energie, lösten die Aufgaben besser und aktivierten Kontrollnetzwerke stärker, selbst bei einfachen Entscheidungen. Die Befunde sprechen dafür, dass nicht fehlende Motivation, sondern erhöhte kognitive Kontrolle zentral ist und ein wichtiger Ansatzpunkt für Behandlung sein könnte.
⇒ King, J. A., Bernardoni, F., Westbrook, A., Korb, F. M., Boehm, I., Doose, A., . . . Ehrlich, S. [S.] (2025). Exaggerated frontoparietal control over cognitive effort-based decision-making in young women with anorexia nervosa. Molecular Psychiatry, 30(3), 861–869. https://doi.org/10.1038/s41380-024-02712-4
In einer weiteren fMRT-Studie bearbeiteten junge Frauen eine Gedächtnisaufgabe, während ablenkende Bilder (hochkalorisches Essen oder neutrale Bilder) ignoriert werden sollten. Die Leistung war gleich gut wie bei Gesunden, aber Kontrollbereiche im Gehirn waren in beiden Bedingungen stärker aktiv und hemmten emotionale Reaktionen stärker. Auch dieser Befund spricht für eine anhaltend erhöhte Top-down-Kontrolle. Therapeutisch könnte es daher wichtig sein, so die Studienautor*innen, übermäßige Kontrolle gezielt zu adressieren, etwa durch spezielle Varianten Dialektisch-behavioraler Therapie oder transkraniale Magnetstimulation.
⇒ Pauligk, S., Seidel, M., Ritschel, F., Geisler, D., Doose, A., Boehm, I., . . . Ehrlich, S. [S.] (2025). Overcontrol in anorexia nervosa: Elevated prefrontal activity and amygdala connectivity in a working memory task with food distractors. International Journal of Clinical and Health Psychology, 25(1). https://doi.org/10.1016/j.ijchp.2025.100544
In einer anderen MRT-Studie wurde untersucht, ob Veränderungen der Hirnrinde bei Anorexie mit der Verteilung von Neurotransmitter-Systemen und dem Energieverbrauch im Gehirn zusammenhängen. Die Veränderungen traten besonders in Regionen mit hohem Energiebedarf und bestimmten Botenstoffsystemen auf. Gleichzeitig blieben Areale mit gößerer Serotonin-Transporterdichte eher erhalten. Entscheidend: Wenn bei Patientinnen gerade diese, normalerweise geschützten, Regionen doch stärker verändert waren, gingen damit mehr Körperunzufriedenheit und eine geringere Gewichtszunahme in der Behandlung einher. Die Befunde könnten helfen, früh biologisch zu erkennen, wer intensivere oder individuell angepasste Therapie braucht.
⇒ Tarchi, L., Doose, A., Bernardoni, F., King, J. A., Hellerhoff, I., Bahnsen, K., . . . Ehrlich, S. [S.] (2025). Mapping the path to recovery: the intersection of cortical thickness reductions and serotonin transporter expression in anorexia nervosa. Molecular Psychiatry. Advance online publication. https://doi.org/10.1038/s41380-025-03306-4
Zusammenfassend weisen die Befunde dieser Studien darauf hin, dass Essstörungen mit veränderten biologischen und neuronalen Prozessen einhergehen, die Wahrnehmung, Entscheidungsverhalten und Handlungssteuerung beeinflussen. Sie verdeutlichen damit den Beitrag biologischer und neurokognitiver Mechanismen zur Aufrechterhaltung der Erkrankung.

